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Firma Liebisch Velký Šenov čp.90 a 509

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Die Firma Bandl-Liebsch

Rudolf Fiedler, dem langjährigen Ortsbetreuer von Groß Schönau, zum 91. Geburtstag

In die Reihe von einigen kleineren aber erfolgreichen Bandwebereien in Groß Schönau gehört die Firma von Johann Liebisch, der zur Unterscheidung von anderen Liebisch-Familien im Schönauer Sprachgebrauch „Bandel-Liebsch“ genannt wurde. Der Ursprung des Betriebes ist verwoben mit dem Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung des späten 19. Jahrhunderts, als in Schönau verschiedene Firmen gegründet wurden und z. T. auch bald wieder eingingen. Von einer Gründerzeit zu sprechen, ist sicher zu viel verlangt, hierzu fehlen leider noch verlässliche strukturelle Erhebungen und konkrete Daten zur Schönauer Industriegeschichte. An dieser Stelle wird jedoch das deshalb ausdrücklich erwähnt, weil hier diese Verknüpfung von Aufstieg und Niedergang augenscheinlich stattgefunden hat. Auch für einen zweiten und wichtigen Moment in der Geschichte von Schönau steht diese Firma, nämlich für einen gravierenden wirtschaftlichen Strukturwandel, der Entwicklung von einem Agrardorf zu einem Industriestandort. Ähnlich wie zuvor schon bei der Familie Schorisch in Niederschönau ist hier eine wirtschaftliche Schwerpunktverlagerung der Familien von der bäuerlichen zur industriellen Produktion zu erleben.

Der Name Liebisch ist in Groß Schönau eigentlich mit einem alten Bauerngeschlecht verbunden, das nach dem Urahnen Balthasar im Volksmund Baltzer-Liebsch oder auch Patzer-Liebsch genannt wurde. Die Familie Liebisch saß spätestens seit der Gegenreformation, also um die Mitte des 17. Jahrhunderts, auf dem Bauernhof Schönau Nr. 42 oder auch B6 nach alter Zählung. Interessanter Weise betrifft die älteste Taufeintragung im ersten Schönauer Kirchenbuch die Familie von Bauer Baltzer Liebisch, der im Jahr 1624 in seinem 43. Ehejahr sich selbst, seine Frau und seine 5 Kinder römisch-katholisch taufen lässt, bis dahin also wohl dem protestantischem Glauben angehörte.

Die Familie Liebisch ist spätestens seit 1656 auf dem genannten Hof in Schönau Nr. 42 in ununterbrochener Folge bis 1945 ansässig. Zum Bauernhof gehörte ein waldhufenartig  gestalteter und bis zur sächsischen Grenze reichender Wirtschaftsstreifen, der etwa zur Hälfte aus Wald und zur anderen Hälfte aus Äcker und Wiesen bestand. Zahlreiche kleine Teiche zeichneten diese Flur aus.

Mitte des 19. Jahrhundert waren Laurenz Liebisch und seine Frau Veronika Eigentümer des Bauerngutes. Offenbar war die Familie Liebisch zu einem gewissen Wohlstand gekommen, so dass Laurenz Liebisch den Tischler Hentschel, der einige Bandwebstühle selbst erbaut hatte, Geld leihen und beim Aufbau einer Bandweberei finanziell unterstützen konnte. Dem Unternehmer war jedoch kein Erfolg beschieden und er stellte bald den Betrieb wieder ein. Vermutlich zur Begleichung verschiedener Verbindlichkeiten gelangte das Firmengebäude Schönau Nr. 90 in den Besitz von Laurenz Liebisch (1829-1907), der nun seinen technisch versierten ältesten Sohn  Johann Liebisch (1863-1958) mit dem Wiederaufbau der bankrotten Firma beauftragte. Den Hof in Schönau übernahm dagegen August, der jüngere Sohn von Laurenz Liebisch.  Johann Liebisch begann somit ab 1888 seine ungewöhnliche Tätigkeit als Weber, Textilveredler und Unternehmer. Unterstützt wurde er von seiner Frau Maria Schneider (1873-1958), die aus der oberen Schänke in Schönau Nr. 79 stammte. Produziert wurde im Gebäude Schönau Nr. 90. Die Energie für den Betrieb lieferte ein unterschlächtiges Wasserrad im vorbeifließenden Schönauer Bach.

Die Seidenbandweberei hatte im Jahr 1938, als man sich anlässlich des 50jährigen Firmenbestehens zu einem Gruppenfoto traf, 40 Beschäftigte. 1933 waren es noch 30 Belegschaftsmitglieder gewesen. Mit wieviel Beschäftigten Johann Liebisch 1888 begann, ist leider nicht bekannt.

Die Seidenbandweberei hatte eine breite Produktpalette. Dazu gehörten Seidenschnüre, Posamente für Portepees, brokatene Fensterriemen für Eisenbahnabteile und Landauer. Der Erste Weltkrieg und die Zerschlagung des österreichischen Kaiserreiches hatten auch für die Bandweberei von Johann Liebisch Konsequenzen. Groß Schönau kam mit dem gesamten nordböhmischen Niederland an die neugegründete Tschechoslowakei. Im Krieg war die Bandweberei wegen ausbleibender Materiallieferungen und Arbeitskräftemangel zum Erliegen gekommen. Anfang der 20iger Jahre erfolgte jedoch unter der Geschäftsleitung von Hans Liebisch jn. (1898-1979) eine Umstellung des Betriebes von Baumwoll- auf  Seidenbändern, die zur Dekoration von Bonbonnieren, Geschenkpaketen usw. sehr gefragt waren. Die günstige Entwicklung des Betriebes ermöglichte daraufhin erhebliche bauliche Veränderungen.

Noch im Jahr 1904 bestand der Betrieb allein aus dem Gebäude Schönau Nr. 90, in dem gewohnt und produziert wurde. Bereits 1907 erfolgten erste Erweiterungsbaumaßnahmen.  So wurde zunächst an das bestehende Gebäude ein ebenerdiger großer Arbeitssaal angebaut.  Auf diesen Saal wird nun im Jahr 1924 ein weiteres Stockwerk errichtet und dabei das Haupthaus verlängert, um u. a. zusätzliche Toiletten zu schaffen. 1928 wurde auf demselben Grundstück das Wohn- und Geschäftshaus Nr. 509 neu erbaut. Im Erdgeschoß befanden sich Geschäftsräume, im Obergeschoß die Wohnung des Firmeninhabers. Den Boden nutzte man als Wohn- und Lagerraum. In der Baugenehmigung wurde ausdrückliche eine besondere Sorgfalt bei den Gründungsarbeiten angemahnt. Der Baugrund war schwierig. Auf alten Plänen ist nämlich zu erkennen, dass direkt unter den Gebäuden ursprünglich der Schönauer Dorfbach floss, bevor dieser später in Richtung Straße verlegt wurde.

1929 wurde im hinteren Grundstücksbereich ein Lager gebaut und dieses im Jahr 1934 durch einen Gebäudeflügel, der dringend benötigte Lagermöglichkeiten bot, erweitert. Ein größerer Umbau erfolgte dann im Jahr 1936. Im Gebäude Nr. 90 wird zur Raumgewinnung Schaffung ein zusätzliches Geschoß errichtet. Im Jahr darauf erfolgten weitere Baumaßnahmen, so wurde das Erdgeschoß umgebaut und  ein weiterer Arbeitssaal sowie eine Küche errichtet.

Am 01.01.1935 wurde Hans Liebisch Alleininhaber der Seidenbandweberei. Der Anschluss des Sudetenlandes 1938 an das Deutsche Reich brachte weitere Veränderungen für die Firma mit sich.  40 % der produzierten Bänder gingen nunmehr in den Export. Der Kriegsbeginn 1939 hatte allerdings erhebliche  Auswirkungen  auf die Produktion. Statt Seidenbänder wurden nun Kriegsprodukte hergestellt. Tressen für Wehrmachtsuniformen und Gasmasken- und Fallschirmgurte bestimmten das Geschehen. Die Kapazitäten wurden schnell erhöht und man produzierte im Zwei-Schicht-System.  Immer mehr Frauen nahmen die Stellen der eingezogenen Männer ein. Um zügig Kapazitäten für nötige Erweiterungen zu gewinnen, erwarb man im Jahre 1942 von der Fa. Hille & Hampel das benachbarte Fabrikgebäude Schönau Nr. 355. Das Kriegsende und die damit einhergehende Vertreibung der deutschen Bewohner brachte auch für die Seidenbandweberei von Johann Liebisch das abrupte Ende. Der Abtransport jeglicher Technik in das innere Böhmens verhinderte zudem eine eventuelle Wiederaufnahme der Produktion in der Folgezeit.

Ich bedanke mich bei J. Nemec, Decin, für die erfahrene Unterstützung, besonders jedoch bei Hans-Werner Liebisch, dessen Familienchronik und umfangreiche Bildersammlungen ich für diese Darstellung nutzen konnte.

Ich bin stets auf der Suche nach weiteren Informationen, insbesondere alten Bildern, z. B. von den Schönauer Fabrikgebäuden.

Wer hat noch Bänder oder andere Produkte aus der Bandwarenerzeugung ?

Wessen Eltern oder Großeltern haben bei diesen Firmen gearbeitet ?

 

Dr. Andreas Hille

pozn.: Na českém překladu se pracuje.

 
 

 

 

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